Klein, aber oho – Anguilla
von Kiki Baron
Bankie Banx hockt in seiner Bude und blickt versonnen aufs azurblaue Meer. Treibholz, Planken und Reste von versunkenen Segelschiffen umrahmen den grau gelockten Rastamann. Daraus ist seine Beach Bar an der Rendevous Bay gezimmert. Man kennt so eine fotogene Konstruktion aus Werbespots. Eine halbe Stunde später fühlt man sich im Film mittendrin. „The battle is on“, gurrt Bankie mit rauchiger Stimme, schlägt auf der Gitarre fetzige Reggae-Rhythmen an und lässt seine Mähne fliegen. Paare biegen sich im Takt, schneeweißer Pudersand quietscht unter ihren Füßen. In Gläsern klimpern Rum Cocktails auf Eis und seicht schwappt dazu die sonnenbestrahlte See. Chill-out auf karibisch also schon vor dem Sunset. Hier und auch bei „Uncle Ernie`s“ oder „Gwen´s“ an der Shoal Bay. An Musikern und Live Auftritten besteht auf Anguilla kein Mangel. Bankie Banx ist längst zur Ikone der Reggae Szene geworden. Seit 30 Jahren heimst er mit seinen Gigs Erfolge auf Reggae Festivals in USA und Europa ein. Und sein „Dune Preserve“ ? „The coolest place in the Carribean“, behauptet die britische ELLE. Bankie sagt: „Die einzige Strandkneipe auf der Welt mit großer Wahrscheinlichkeit, einen Ex-Präsidenten, einen Ex-Piraten und einen Ex- Mr. Big der Wall-Street an einem Tag zu treffen“. Könnte sein. Das Lokal inmitten 10.000 qm geschützter Natur liegt zwischen dem einzigen Golfplatz der Insel und Cap Julucca. Wobei sich die Gästeliste des Luxusresorts, das auch den 18-Loch Greg Norman Course managt, wie das Who is who des internationalen Show Bizz liest: Sharon Stone, Tyra Banks, Liam Neeson, Mel Gibson und Kevin Bacon, um nur einige zu nennen.
Anfangs wundert man sich, warum sich gerade dieses Outlet des Vereinigten Königreich Großbritannien zum Spielplatz der Rich and Famous entpuppt hat. Da wellen sich sanfte Hügel, verteilen sich moderne und ein paar koloniale Häuser wie hingeworfene Schuhschachteln über Kalkstein und Senken, grünt ruppiges Kraut neben knorrigen Sträuchern, und zwischen Landnasen und Klippen erstrecken sich weiße Strände mit blaugrünem Meer davor. Palmen wachsen nur spärlich. Doch irgendwann entdeckte mal jemand, dass diese blütenreinen Schönheiten am Wasser etwas Außergewöhnliches in der karibischen Inselwelt sind. Etwas, womit dieses Minifleckchen von 91 Quadratkilometern richtig protzen kann. Von 33 puderfeinen Sandstreifen ist die Rede. Glücklicherweise hatten die Inseloberen damals kein big business im Sinn. Bis heute gibt es weder Hotelburgen noch Kasinos und Kreuzfahrtschiffe will man auch nicht. Stattdessen hat sich die Touristikindustrie auf anspruchsvolle Individualreisende spezialisiert und ihnen kleine Paradiese in Form von Luxusresorts geschaffen. Solche, die überwiegend von Insulanern bewirtschaftet werden. Ebenso die zahlreichen Restaurants, die sich besser mit Lobster und Foie gras auskennen als mit Fastfood. So gibt es keine Arbeitslosigkeit unter den 15.000 Einwohnern und kaum Fremdarbeiter, was wiederum für Zufriedenheit unter den Menschen sorgt. Und das merkt man. Keine Anmache, dafür stets ein fröhliches Lächeln auf den Lippen, wenn man ihnen auf der Straße oder am Strand begegnet.
Will man Anguillas Atmosphäre mit einem Wort beschreiben, fällt einem vornehmlich eines ein: relaxed. Gedanken an Arbeit und Stress verabschieden sich, sobald man aus dem Flugzeug steigt. Eine leichte Brise streicht durch Tropenluft, keine lauten Geräusche, keine Hektik. Und nach ein paar Tagen auf der Insel wird klar, dass Entertainment nicht Nachtleben heißt. Wer nach 23 Uhr Disco Sound und Rummel sucht, wird enttäuscht. Live Musik ist angesagt und das vornehmlich im Zusammenhang mit kulinarischen Vergnügen. Sonntags zum Jazz Lunch bei „Johnno´s“ in Sandy Ground oder zur Steelband Session bei „Smitty´s“ in Island Harbour. Die Meeresfrüchte auf dem Grill stammen von Fischerbooten nebenan, fangfrisch angelandet und gebrutzelt.
Keine andere karibische Insel bietet eine höhere Dichte an Gourmet Restaurants als Anguilla. Was mit der Dichte gut gefüllter Brieftaschen korreliert. Auch in Feinschmecker Lokalen wird ein bis zweimal die Woche aufgespielt. Im „Veya“ beispielsweise, derzeitiger „it“ Spot der Insel mit hohem Promi-Faktor. Das pittoreske West Indian Haus mit Blick über Sandy Ground ist in der Saison jeden Abend bis zum letzten Platz besetzt. Veya heißt Sonnenstrahl in alter Arawak-Sprache und der leuchtet bis in die Küche. Die kreativen Gerichte des Restaurants verbinden Geschmacksnoten aus warmen Ländern. Von Vietnam und Indien über Nordafrika bis zur Karibik. Marokkanisch gewürzte Shrimps mit Aprikosen- Sauce oder herzhafte Tuna Steaks mit Rum-Kaffee- Glasur schmecken köstlich. Spätestens um 22 Uhr ist überall Schluss. Dann herrscht Ruhe auf der Insel.Unter dem blitzenden Sternenhimmel singen dann nur noch die Zikaden.