Der Tanz der Wellen
von Marc Bielefeld
Die Wellen kamen an einem Donnerstag. Es waren die größten und erhabensten Wellen, die ich je gesehen habe. Ich spazierte oben durch die grünen Hänge von Pupukea im Norden Oahus, von wo aus der Blick weit auf den Pazifik vor Hawaii fiel. Als ich das Schauspiel erblickte, ging ich keinen Schritt weiter. Ich stellte meine Wasserflasche ins Gras, setzte mich hin und sprach kein Wort mehr. Ich blickte nur noch aufs Meer.
Weit draußen vor der Küste trieb der Pazifik eine weiche Dünung in Richtung der goldbraunen Strände; eine Dünung, die sich wie blaue Hügel aufs Meer legte. Weiter zum Ufer hin aber schnellte das Meer wie aus dem Nichts empor, erhob sich an den Riffen zu blauen irisierenden Wänden. Schnurgeraden Rippen gleich wälzten sich die Wellen in Sechser- und Achterreihen heran, während die Gipfel nach oben hin immer spitzer und fragiler wurden. Die Wellen bäumten sich auf wie wilde Geschöpfe, kolossal, schön und lebendig.
Diese Wellen in Fuß oder Metern zu bemessen hatte etwas Unzureichendes, das ihre wahre Dimension niemals einfangen würde. Ich musste an Schiller denken. „Auf den Wellen ist alles Welle, auf dem Meer ist kein Eigentum“, hatte er einmal geschrieben.
An diesem Tag machte sich tatsächlich niemand die Wellen zu eigen. Kein Surfer war draußen, kein Boot. Die Wellenreiter saßen unten an den Stränden, hockten in ihren Autos, die schlanken Boards fest auf die Dächer geschnallt. Die Menschen hatten sich versammelt und säumten die Küsten, viele waren sogar aus dem Süden, aus Honolulu, gekommen. Sie alle blickten nur noch auf die Wellen und verfielen in eine Art der Meditation.
Die höchsten Wellen waren an diesem Wintertag bis zu vierzehn Meter hoch. Blaue Berge, die nach oben hin grün und immer durchsichtiger wurden. Ganz oben an den Kämmen schien die Sonne von hinten durch die glasklaren, fast lotrechten Fronten, bevor die entfesselten Wassermassen mit namenloser Energie ans Ufer rasten.
Die Wellen schienen noch ein letztes Mal innezuhalten, Sekunden der Ekstase, bevor sie sich aus zehn, vierzehn Meter Höhe überschlugen und brachen. Was nun folgte, war ein tiefes Grollen, ein Beben, das ich bis oben in die grünen Hänge des Dschungels spüren konnte. Das Grollen legte sich über das Meer und über das ganze Land.
Die Küste im Norden von Oahu ist eine magische Küste. Und jetzt wusste ich warum. Man muss diese Wellen gesehen haben, um es zu spüren.
Tausende Kilometer breitet sich der Pazifik von hier aus nach Norden aus. Bis nach Sibirien und Alaska, wo im Winter die heftigen Stürme das Meer aufwühlen und die Wellen auf ihre lange Reise schicken. Erst der hawaiianische Archipel bremst die Wellen das erste Mal, die Riffe Oahus und die unter dem Meeresspiegel ansteigenden Flanken der Vulkane.
Manchen allerdings reicht der Anblick der Wellen nicht aus. Das Meer verlockt sie zu anderem Spiel. Schon vor vielen hundert Jahren sind die ersten polynesischen Könige in die Wellen gepaddelt. Zunächst auf Baumstämmen, später auf schmal geschnitzten Planken, mit denen sie den Ozean ritten. Dies waren die Geburtsstunden des Surfens, und genau hier geschah es.
Anfang des 20. Jahrhunderts kam Jack London nach Hawaii und sah diese Wellen. London, der Draufgänger. Es dauerte nicht lange, da paddelte der berühmte Schriftsteller selbst hinaus und tobte durch das schäumende Meer vor den Inseln. Er schrieb seine Erlebnisse auf. Londons Geschichten vom Wellenreiten sind einmalig und noch heute in den „Stories of Hawaii“ zu lesen; das Surfen und die Wellen hatten das erste Mal die Form der Literatur angenommen.
In den 1960er Jahren wurde Oahus Nordküste dann zum Mythos. Surfspots wie Waimea Bay, Pipeline, Sunset und Haleiwa Beach schrieben Geschichte. Hier stiegen die ersten großen Surf Contests der Welt, in Wellen jenseits der acht Meter. Surfer wie Jeff Hakman oder Edie Aikau wagten sich in immer höhere Wellen hinaus und erfanden einen Stil, um die ungeheuren Wasserberge abzureiten. Sie gingen in die Annalen der Surfgeschichte ein.
Im Norden Hawaiis entstand in diesen Jahren ein Lebensgefühl, das manche den Endless Summer nennen. Drüben in Kalifornien dröhnten die Beach Boys aus den Radios, Hollywood und die Welt griffen den Trend auf. Shorts, geblümte Hemden und gebräunte Männer, die ein Brett unterm Arm trugen. Aber die wahre Musik spielte immer hier draußen im Pazifik, an der Nordküste Oahus.
Das Schauspiel ist bis heute zu bewundern. Im Winter, wenn die arktischen Stürme das entfernte Meer zur Rage bringen und die Wellen auf ihre Reise schicken. Ein paar Tage später hat sich die Nachricht herumgesprochen. Big Surf. Es ist die Zeit, wenn alle anderen Tätigkeiten verblassen. An der magischen Küste von Oahu sitzen die Menschen dann wieder an den Stränden und schweigen aufs Meer. Aufs große blaue Wasser, das vor ihren Augen seinen unglaublichen Tanz vollführt.