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Miquel Barceló
von Gabriele Kunze

 

Wer sich mit Kunst im allgemeinen, wer sich mit Kunst auf Mallorca beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei: Miquel Barceló (Felanitx 1957). Seit er 1982 als einziger spanischer Künstler an der documenta in Kassel und an der Biennale von San Paolo teilnahm, seit ihn der Schweizer Galerist  Bischofberger unter Vertrag nahm, ist sein Erfolg nicht zu bremsen. Ausstellungen in aller Welt, Auftragsarbeiten wie die Gestaltung der 1400 Quadratmeter großen Kuppel des Sitzungssaals der UNO in Genf haben ihn zum Star der internationalen Kunstszene werden lassen. Er war – und ist – von seiner Kunst besessen. Obwohl in den frühen Jahren kaum jemand für den jungen Wilden Verständnis hatte. Genauso gibt er sich gerne – bis heute: trotzig, unangepasst, provokativ.

Entsprechend umstritten ist auch das Werk für seine mallorquinische Heimat: Die Auskleidung der Sankt Peters Kapelle in der Kathedrale von Palma. Die ersten Entwürfe hielt man für zu wenig „christlich“. In dem gotischen Gotteshaus – Baubeginn im 13. Jahrhundert – hat seit der Umgestaltung des Innenraums durch Antoni Gaudí (1852 – 1926) im Jahr 1904 kein zeitgenössischer Künstler mehr gearbeitet.    Die „Fundació d`Art a la Seo“, die Kunststiftung der Kathedrale, hatte sich für Miquel Barceló stark gemacht. Das Domkapitel vertrat die Auffassung, dass in der heutigen Zeit auch unbequme Künstler an der Neugestaltung eines ehrwürdigen Gotteshauses mitwirken müssten. Insgesamt 300 Quadratmeter umfassen die 2000 Einzelmodule der Keramiken, die aus mehr als 300 000 Kilo Ton aus Norddeutschland und Süditalien und 2000 Kilo Email-Lack in einem eigens gefertigten Ofen bei einer Temperatur von 1000 Grad gebrannt wurden. Aber das sind nur Zahlen. Viel beeindruckender ist die Arbeit selbst. Sie stellt die wundersame Vermehrung von Brot und Fisch dar. Die Bibelllegende hat bei Barceló Insel-Touch; alle Fische der balearischen Gewässer sind versammelt, dazu etliche Meeresfrüchte, Gemüse wie Auberginen, Tomaten oder Zwiebeln, Obst, Weinkrüge, die lokalen Brotsorten. Die Christusfigur in der Mitte unter dem Hauptfenster ist kein über dem Kosmos thronender Herrscher, sondern eine schmale, nur angedeutete Figur: Gottes Sohn, der zu den Menschen gesandt wurde, um sie zu erlösen. Ein Kreuz gibt es nicht.

 

Die hellen, klaren Farben stehen für Reinheit. Ansonsten hat Barceló Farben so gewählt, dass sie Mallorca repräsentieren: verschiedene Rottöne, Ocker, Gelb, Grün, Blau. Durch die Brenntechnik sind die Terrakotta-Teile gesprungen, so dass der Eindruck entsteht, es handele sich um eine frühgeschichtliche Arbeit.
Die zwölf Meter hohen Glasfenster darüber erstaunen auf den ersten Blick. Sie sind in Grau gehalten, um das  Licht des Meeres unter der Wasseroberfläche zu symbolisieren. Die kühlen Töne sind Kontrast zu den Farben der Keramiken.
Das Motiv im Hauptfenster: der Baum der Erkenntnis, wiedereholt in den Seitenfenstern. Auch hier wieder Entsprechung: in der Form des Baumes ist die Form der Rückengräte eines Fisches versteckt.
Dazu kommt das Mobiliar, je eine lange Bank rechts und links in der Kapelle, ein Altar, ein Lesepult, ein Stuhl. Schlicht, einfach, aus glattem Marmor, ohne Schnörkel und bestechend in ihrer Klarheit.
Wenn das Domkapitel am frühen Morgen in der Sankt Peters Kapelle die Messe liest, wenn in der Kathedrale noch keine Besucher sind, wird deutlich, dass hier vielleicht kein christlicher, aber ein überaus spiritueller Künstler am Werk war.
Miquel Barceló absolvierte Studien erst in Palma, später in Barcelona. Eine Tatsache, die, wie er selbst immer wieder betonte, bei ihm wenig Spuren hinterlassen hat. Zu seiner ersten Ausstellung in den frühen 80er Jahren brachte er Holzkisten mit verrottenden Lebensmitteln in verschiedenen Farbschattierungen.

Ungewöhnliche Materialien sind bei ihm an der Tagesordnung: In seinem Atelier stehen Säcke mit Bohnen, Reiskörnern oder Kichererbsen, die er auf seine Bilder streut, um Reliefs an den Oberflächen entstehen zu lassen. Kunst, das sind auch Gräser, Steine, Ascheflocken.
Inzwischen hat er drei Wohnsitze: Paris, ein Bauernhaus in der Nähe von Colonia de Sant Pere in der Nähe von Artá und eine Hütte in Mali, am Ufer des Niger, wo er sich 1988 nach einem Sahara-Treck einrichtete. Der Sand und Staub machte ihm das Malen mit Öl unmöglich. Also griff er zu Pinsel und Tusche und zeichnete: Landschaften, Silhouetten von Kamelen und Baumstümpfen im Staub, flüchtige Bilder. Zurück auf Mallorca übertrug er das auf grosse Leinwände in Öl. Ohne Farbe, nur Ocker, Weiss, abstrakte Fläche, helle Weiten, flimmernde Fata Morganen. Bis heute arbeitet er in Afrika in Serien, immer auf Papier, oder in tagebuchartigen Heften.

Darin zeigt sich die enorme Bandbreite dieses Künstlers. Sie reicht vom Großauftrag bis zum kleinsten Objekt.
Kathedrale, Palma, Carrer Palau Reial 29, ist wie folgt geöffnet: Juni–Sept. Mo–Fr 10–18.15, April–Mai Mo–Fr 10–17.15, Nov.–März 10–15.15, Sa immer 10–14.15 Uhr.

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