Italien

Toskana für Entdecker

Auf jedem Hügel ein Stück Mittelalter, in jeder Kirche große Kunst. Und noch im kleinsten Keller die feinsten Weine. Wer rund um Florenz auf Nebenstrecken unterwegs ist, kann was erleben

Stadt im Grünen: Florenz und der Giardino di Boboli im Viertel Oltrano
Stadt im Grünen: Florenz und der Giardino di Boboli im Viertel Oltrano

Vom Bahnhof Santa Maria Novella gehe ich am liebsten zu Fuß hinüber, es sind bloß fünf Minuten. Erst durch die Via dei Fossi und dann auf dem Ponte alla Carraia über den Arno, der Florenz in zwei sehr ungleiche Hälften teilt. Meine Hälfte ist Oltrarno, die kleine Seite von Florenz. Wo die Straßen schmal sind und die Häuser bescheiden. Wo man den Chianti beim Weinhändler noch sfuso kauft, direkt aus der großen Korbflasche. Wo in schlauchartigen, von Neonröhren erleuchteten Werkstätten die Handwerker arbeiten, Vergolder, Kunstschlosser und Seidenweber. Touristen gibt es hier viel weniger als auf dem anderen Arno-Ufer, wo zwischen Dom und David meist kein Durchkommen mehr ist. Klar, gewisse Kontingente überqueren natürlich auch den Fluss, am liebsten auf dem berühmten Ponte Vecchio, und steuern dann den Palazzo Pitti mit seinen Museen und dem Boboli-Garten an. Auch um die legendäre Eisdiele am Ponte alla Carraia windet sich meistens eine lange Schlange. Ich stelle mich trotzdem an. Meine Lieblingssorte ist cioccolato all’arancia, die gibt es nur hier in der Probiergröße zu einem Euro. Derart versorgt starte ich zu meinen Spaziergängen durch das Viertel.

Seit 20 Jahren habe ich mindestens einmal im Jahr in der Toskana zu tun. Und egal, ob ich in die Maremma oder ins Val d’Orcia muss: Am liebsten starte ich in Florenz. In Oltrarno. Es würde sonst etwas fehlen. Ich brauche die hellgelb getünchten Häuser hier, die auch an trüben Tagen leuchten, als hätten sie die Sonne gespeichert. Ich brauche das Gefühl von Geschichte als etwas Lebendigem, wie es sich einstellt, wenn ich die Costa San Giorgio und dann die Via Leonardo hochwandere. Gepflasterte Gassen, die sich zwischen hohen, alten Wohnhäusern und Parkmauern still und steil in die Hügel über Florenz hochschlängeln. Zu Zeiten des Fürsten Lorenzo de’ Medici sahen sie vermutlich kaum anders aus, doch heute springen Teenie-Mädchen mit Handy aus den Haustüren und ihre Mütter flitzen hochtourig mit dem Smart um die Kurven.

Florentiner Kunsthandwerk: links, Michelangelos David in den Trendfarben der Saison, rechts die Werkstätten San Frediano
Florentiner Kunsthandwerk: links, Michelangelos David in den Trendfarben der Saison, rechts Schreiner-Werkstatt im Viertel San Frediano

In der Via Maggio trinke ich gerne einen Espresso mit Eleonora Botticelli. Eleonora führt mit ihrem Bruder ein Antiquitätengeschäft, ist spezialisiert auf Skulpturen aus Mittelalter und Renaissance. Auch eine Putte von Michelangelo wäre zu haben. Ich habe Eleonora mal gefragt, ob sie mit dem berühmten Renaissance-Maler verwandt ist. Sie hat gelacht. „Das war nur sein Spitzname, weil er dick war wie ein kleines Fass, botte auf Italienisch. Vor ihm existierte dieser Name nicht. Also ja, vermutlich stammen alle Botticellis, die es heute gibt, von Sandro ab!“

Nie reißt der Faden zwischen Vergangenheit und Gegenwart ab. Auch nicht in den Patrizierpalazzi, an denen ich vorbeischlendere. Hinter den oft unauffälligen Fassaden mit ihren bauchigen Fenstergittern leben seit Jahrhunderten dieselben Adelsfamilien: die Frescobaldis in der Via Santa Spirito (ruhig mal hineingehen – das Tor zum hübschen Innengarten ist meistens offen und man darf sich umsehen), die Guicciardinis an der Piazza dei Pitti, die Torrigianis in der Via dei Serragli. Die Torrigianis besitzen den größten städtischen Privatgarten Europas – sieben Hektar groß, hinter Mauern verborgen, ein liebevoll gepflegter, romantischer Landschaftspark. Sie führen Besucher selbst hindurch. Denn sie sind zwar Florentiner Uradel, verdienen ihr Geld aber tatsächlich zeitgemäß und ganz normal. Als Gärtner.

Auf meinen Fahrten durch die Toskana folge ich nur einem Imperativ, und der heißt: runter vom Asphalt, rauf auf den Schotter. Die strade bianche, die traditionell ungeteerten Staubpisten gehören zur Toskana wie die Zypressen. Sie prägen die Landschaft, mäandern heiter durch die karge Mondlandschaft der Crete Senesi oder durch die süffigen Weinberge des Chianti, als hätten sie alle Zeit der Welt. Mit dem Auto kommt man nur langsam voran, und das ist gut so. Schönheit verträgt sich nicht mit Eile. Und für Schönheit sind diese Straßen eine Garantie. Sie mögen staubig sein, holprig und bei Regen voller tiefer Pfützen. Aber sie führen immer mitten hinein, in die bellezza.

Nur auf Schottersträßchen tuckert mir die verbeulte alte Ape entgegen, mit dem Bäuerchen am Steuer, das so herzlich grüßt und winkt, als kennten wir uns seit Jahren. Auf Schotterstraßen muss ich anhalten, um Schafsherden vorbeizulassen und pastori maremmani, die riesigen weißen Hütehunde. Und allein auf Schotterstraßen erreiche ich einen meiner absoluten Lieblingsorte in der Toskana: Lucignano d’Asso.

Lucignano ist ein winziger Weiler im Hügelmeer zwischen Pienza und Siena und war der Landsitz eines Papstes aus der Dynastie der Piccolomini, feinster italienischer Adel, denen das Gut bis heute gehört. Es besteht aus einem Herrenhaus, einem Kirchlein und Nebengebäuden aus bemoostem Naturstein. Katzen sonnen sich auf krummen Mäuerchen, und unter der orange getupften Pracht einer Klettertrompete verbirgt sich der alimentari Laden der Familie Giannetti, wo man Brotzeit machen kann. Das kleine Geschäft gibt es seit fast 100 Jahren. In der Vitrine liegen pecorino, finocchiata und capicolla. Die betagte Signora Giannetti ruht auf einem Stuhl; das Aufschneiden besorgt seit neuestem die junge Hilfe, die alles auf einem Teller arrangiert, eine Tomate dazulegt und es mir dann nach draußen bringt, zu einem wachstuchgedeckten Klapptisch. Sollten die Straßen nach Lucignano je asphaltiert werden, es wäre das Ende dieses Paradieses.

Denn Autos sind auf den strade bianche nur wenige unterwegs. Dafür werden es immer mehr Radfahrer. Vor 20 Jahren hat Giancarlo Brocci, ein schnauzbärtiger Mediziner und Journalist aus Gaiole, die „Eroica“ erfunden, ein herbstliches Vintage-Radrennen über die toskanischen Schotterstraßen, bei dem mittlerweile Tausende mitfahren. „Wir wollten ein Zeichen zum Erhalt dieser Straßen setzen, die von der Asphaltierung bedroht waren. Und das hat funktioniert“, hat er mir erzählt, als wir einmal gemeinsam durch die Crete Senesi in Richtung Süden radelten. Er stilecht auf einem alten Vintage-Rennrad, ich mit einem geliehenen E-Bike, beide erfüllt von der Toskana, die wir mit allen Sinnen aufnahmen: frischen Zypressengeruch in der Nase, ohrenbetäubendes Zikadenschnarren in den Ohren, heiße Sonne auf der Haut. Und das Aroma eines feinen Brunello di Montalcino am Gaumen, denn eine Weinprobe gönnten wir uns am Ende des Tages auch – im kleinen Weingut Ciacci Piccolomini d’Aragona, das seinen Degustationsraum mit Rennrädern und Profi-Fotos als Hommage an den Radsport gestaltet hat.

Auf dem Fahrrad entdeckte ich auch den Leccione, wie ihn seine Nachbarn nennen – die große Steineiche. Unsere Begegnung war reiner Zufall. Ich quälte mich gerade hinter Buonconvento die Staubstraße nach oben, vorbei an einer Koppel, in der Pferde Halme aus Heuballen zupften, immer weiter den Hügel hoch, als ich ihn stehen sah. Ein kugelförmiger Monolith mitten in einem Kornfeld. Ein schmaler Trampelpfad führte hin. Ich setzte mich zwischen seine Wurzeln und guckte. Auf ein kreuz und quer wogendes Hügelmeer, getupft mit Waldstückchen und dunklen Zypressen. Vereinzelte borghi, uralte Weiler. Sonst nichts. Nichts Neues, nichts Modernes, nichts Hässliches. Eine Kulturlandschaft wie aus dem 15. Jahrhundert. Leonardo da Vinci hätte sie gemalt haben können. Aber sie war echt.

Irgendwo stand einmal geschrieben, dass 50 Prozent aller Kunst- und Kulturschätze weltweit in Italien zu finden seien. Wenn das stimmt, dann befindet sich ein gefühltes Viertel allein in der Toskana, und zwar dort, wo niemand danach suchen würde. In den Weinbergen unterhalb von Montalcino, wo mit der romanischen Abtei von Sant’Antimo eine der schönsten Kirchen Italiens steht. Oder im Museo Palazzo Corboli im verschlafenen Asciano zum Beispiel, wo der Besucher dieses unglaubliche Fresko aus dem 14. Jahrhundert vermutlich ganz für sich allein hat: Es zeigt die Buddha-Legende und drumherum, in kleine Kreise gemalt, eine Auswahl der grausamsten Todesarten.

Der Trick ist, grundsätzlich dann abzubiegen, wenn Reiseführer oder Navi nahelegen, geradeaus weiterzufahren. Es lohnt sich garantiert, und es ist der Grund, warum ich immer in Lucca lande und es noch nie ins benachbarte Pisa geschafft habe. Ich liebe Lucca. Es hat keinen weltberühmten schiefen Turm, aber exakt 99 Kirchen sowie eine vier Kilometer lange und sehr breite Stadtmauer. Diese Stadtmauer ist Luccas Stadtpark. Die Einheimischen gehen darauf unter Platanen spazieren, küssen sich auf Parkbänken, joggen nach dem Job. Mit dem Leihrad fahre ich auf der Mauer um Lucca herum und dann, wenn es langsam Abend wird, durch die Straßen der Altstadt, wo ich immer ein wenig nostalgisch werde. In den Gassen klackern Schritte, aus offenen Kirchenportalen dringt Chorgesang und in den Kurzwarengeschäften werden Reißverschlüsse und Pyjamas verkauft, als gäbe es kein Amazon und überhaupt keine modernen Zeiten.

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Keiner denkt bei der Toskana ans Meer. Dabei hat sie 400 Kilometer Küste. Als ich das erste Mal von Livorno aus südwärts fuhr, wunderte ich mich, weil die bunten Liegestuhlreihen fehlten, die typisch italienischen Badeorte. Stattdessen: Wildnis, Weite und Einsamkeit. Kilometerlange Pinienhaine und Dünenlandschaften. Inzwischen habe ich drei Lieblingsorte am Meer: das Städtchen Pietrasanta ganz im Norden, wo sich das italienische Badepublikum aus dem Edel-Badeort Forte dei Marmi zu geschmackvollem Shopping und Aperitifs trifft. Dann den wilden Sandstrand in der Maremma bei Alberese, für Spaziergänge zwischen Salzbrisen und ausgebleichten Treibholz-Skulpturen. Und schließlich das Strandbad „Ultima Spiaggia“ bei Capalbio, wo die linke römische Schickeria zu fröhlichem Geschnatter und dem feinsten Lunch-Buffet der Toskana zusammenkommt. Wer hier durch den Sand nach Süden trabt, ist übrigens im Nu über die Grenze und steht im Latium. Doch das ist eine andere Geschichte.

Titelbild: Highlight auf dem Hügel: Das Castello Poggio alle Mura bei Montalcino ist nicht nur schönstes mittelalterliches Gestein, sondern auch Sitz eines der besten Weingüter der Toskana, Banfi

© Fotos: Guido Cozzi (16)

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Bild: ©Jarek Pawlak, stock.adobe.com

Annette Rübesamen
Annette Rübesamen

Annette Rübesamen ist seit 25 Jahren hauptberufliche Reisejournalistin. Ihre liebsten Themen: Italien, vergessene Welten, Weingüter und das Meer.