Südafrika

Boulders Bay: Allein unter Eseln

In der Nähe von Kapstadt gibt es einen kleinen Ort, da haben Pinguine die Macht übernommen. Naja, beinahe…

Irgendwas stimmt hier nicht. Ich wache mitten in der Nacht auf. 5:45 Uhr. Ich kann die Brandung des Atlantiks hören. Draußen schimmern die ersten Sonnenstrahlen. Auch die Esel sind schon wach und brüllen sich gegenseitig an, unterstützt von ein paar Möwen. Ich will mich schon wieder auf die Seite drehen, da komme ich drauf, was hier falsch läuft: ESEL? Was für Esel? Es gibt keine Esel in Boulders Bay in der Nähe von Kapstadt. Hier gibt’s nur Pinguine. Jackass-Pinguine, um genau zu sein.

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Boulders ist das Villenviertel von Simon’s Town, einem kleinen Ort am Westufer der False Bay, etwa 45 Autominuten von Kapstadt entfernt. Auf den ersten Blick ist diese Bucht so schön wie jede andere auch. Trotzdem besuchen jedes Jahr Hunderttausende diesen Ort, einen regionalen Stützpunkt der südafrikanischen Marine. Schuld aber an dieser Invasion der Touristen ist nicht der unscheinbare Hafen, sondern ein einziges Pinguin-Pärchen! 1983 verirrte es sich nach Boulders Bay und entschied, unter einem windgeschützten Busch oberhalb des Strandes sein Nest zu bauen. Und weil Pinguine nun mal ein romantisches Völkchen sind und stets dorthin zurückkehren, wo sie einmal gebrütet haben, ist in Boulders Bay im Laufe der Jahre eine stattliche Pinguin-Kolonie entstanden. 3000 Pinguine leben inzwischen dort, Tendenz steigend. 

So einen Ort gibt’s nirgendwo sonst in Südafrika. Kinder lieben ihn, Erwachsene ebenso. Es kann passieren, dass man sich tagsüber am Strand auf sein Handtuch legt, um in Ruhe ein Nickerchen zu machen, und wenn man aufwacht, hat sich nebenan ein turtelndes Pinguin-Pärchen niedergelassen. Bei Ebbe kann man in den seichten Gewässern rund um die Bay sogar wunderbar mit ihnen zusammen planschen. Ein Traum! 

Alles paletti also in Simon’s Town? Nicht für alle Beteiligten… 3000 Pinguine am Strand von Boulders Bay sind zwar für den Tierliebhaber ein herzerwärmendes Bild, aber für viele Einheimische längst zu einem Politikum geworden. Einerseits sichern die Tiere einen nicht abreißenden Strom von Touristen, was Geld in die Kassen der Gemeinde spült, seit einigen Jahren wird für Boulders Bay sogar Eintritt verlangt. Andererseits fräsen sich die nur knapp über einen halben Meter großen Pinguine unaufhaltsam in den natürlichen Lebensraum der Anwohner von Boulders Bay. Die Strände und die angrenzenden Wiesen sind den vielen Tieren längst zu klein geworden. Also begeben sie sich in der Nacht auf Wanderschaft in die umliegenden Gärten und Garagen und hinterlassen dort nicht selten Spuren der Verwüstung. Für uns Touristen allerdings sind solche Probleme eher nachrangig – wir genießen dieses fast surreale Spektakel. Vor allem frühmorgens, wenn noch keine Menschenseele auf den Straßen ist, verwandelt sich Boulders Bay in einen Disney-Film.

6:15 Uhr morgens ist es inzwischen und die Pinguine sind laut, sehr laut. Vom Strand her lärmt es wie auf einer Klassenfahrt von Fünftklässlern. Nur dass diese Schüler einen Frack tragen und so tun, als ob sie Esel wären. Genau aus diesem Grund werden die Afrikanischen Brillenpinguine im Volksmund nämlich „Jackass-Pinguin“ genannt – es ist ihr „eselsähnlicher Paarungsruf“, der die direkten Anwohner von Boulders Bay in den Wahnsinn treibt. Uns ist das an diesem Morgen egal. Wir reisen ja weiter. Doch vorher treiben wir uns noch zwei Stunden auf den verlassenen Straßen des Küstenstädtchens herum und fühlen uns im Kreise der streunenden Pinguine wie Besucher in einem Paralleluniversum. Krass.

Titelbild: Pinguine am Strand von Boulders Bay © Kushnirov Avraham – stock.adobe.com

Weitere Fotos: © Sabine Braun (6)

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Bild: © Deyan – stock.adobe.com

Harald Braun
Harald Braun

Harald ist weit gereister Reporter und Schriftsteller. Am liebsten ist er übrigens mit Sabine unterwegs – seiner Frau, die eine hervorragende Fotografin ist.