Japan

Kyoto: Die Seele Japans

Ein Jahrtausend lang ist Kyoto das politische und kulturelle Zentrum Japans gewesen. Hier haben Kalligraphie und Zen-Gärten ihren Ursprung. Noch heute zeugen 2000 Tempel vom künstlerischen und spirituellem Reichtum der Metropole im Westen des Landes

Ichi, ni, san  – schon nach wenigen Minuten hier beherrscht man das perfekt und kurz darauf sogar noch mehr: ju san, ju yon, ju go, dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Wer auf Japanisch zählen lernen möchte, muss sich nur eine Zeitlang am Steingarten des Ryōan-ji in Kyoto aufhalten. Fünfzehn kleine und größere Felsbrocken liegen im Garten des Tempels scheinbar zufällig angeordnet in einem Kiesbeet, und weil offensichtlich jeder japanische Besucher überprüfen möchte, ob noch alle da sind, wird laut abgezählt. Es sind dann tatsächlich fünfzehn, man kann aber immer bloß vierzehn sehen, egal, wo man steht. Niemand weiß, warum die Steine so arrangiert sind. Manche Experten behaupten, der Erbauer des Garten habe demonstrieren wollen, dass der Mensch niemals alles erkennen könne, sondern maximal eben nur beinahe alles. Nur wer aus himmlischer Sphäre hinunter schaue auf die Welt, habe den vollen Durchblick. Der Start von Fotodrohnen im Tempelgarten ist strengstens verboten.

Die Minuten am Kiesbeet von Ryōan-ji sind typisch für einen Besuch in Kyoto (und, wenn man möchte, für die komplette Japanreise). Immer wieder erlebt man diese Momente, in denen man einen Augenblick lang alles zu verstehen glaubt, bevor man kurz darauf ahnt, dass man eigentlich doch nichts kapiert hat. Wenn das oft genug geschehen ist, kommt man möglicherweise zum Schluss, die Dinge auf sich wirken zu lassen. Einfach so, ohne sie zu hinterfragen. Gelingt einem das in Kyoto, ist Japans alte Hauptstadt einer der besten Orte auf der Welt, um sich bezirzen zu lassen.

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Heimat der Kunst

Kyoto: Das war und ist Vorzeige-Japan. Fast tausend Jahre wurde von hier das Reich der aufgehenden Sonne regiert – offiziell zumindest, denn die wirkliche Macht lag damals in den Händen der Shogun. Angesichts der Dauerfehden im Land blieb den machtlosen Kaisern ein Millennium lang nichts als Mäzenatentum: Sie förderten all das, was nichts mit Mord und Totschlag zu tun hatte. Die Stadt wurde zum Zentrum für Handel und Handwerk, Religionen und Philosophien. Die Kunst des Holzschnitts, der Kalligraphie, der japanischen Töpferei und des Anlegens von Zen-Gärten – das alles hat seinen Ursprung in Kyoto, und Kyoto wiederum verdankt diesen Fertigkeiten sein Überleben: „Bombardiere es, und sie werden uns nie verzeihen“, soll die Frau des amerikanischen Oberbefehlshabers ihrem Mann 1945 geflüstert haben – die Atombomben fielen auf Hiroshima und Nagasaki. In Kyoto hat Japan seine Geschichte konserviert. Kyoto, schreiben die Reiseführer, ist Japans Seele.

Stadt der 2000 Tempel

Und hier kommt eine Zahl zum Luftholen: zweitausend. Würde man sich jeden Tag einen Tempel oder Schrein in der Stadt vornehmen, müsste man fünfeinhalb Jahre durch Kyoto streifen, um alle gesehen zu haben. So eine Auswahl macht die Entscheidung natürlich schwer, und weil alle Online-Blogs die gleiche Handvoll empfehlen, wird es am Goldenen Pavillon, dem Kaisertempel und dem berühmten Ryōan-ji an vielen Tagen eng. Dafür hat man die Tempelanlage Adashino Nenbutsu-ji mit ihren vielen kleinen Buddha-Statuen oft fast für sich allein. Und ein frühmorgendlicher Spaziergang durch die orange gestrichenen Torbögen hinauf zum Inari-Schrein im Vorort Fushimi ist beinahe eine mystische Erfahrung. Eine, bei der man sich derart geborgen fühlt, dass einen das Gefühl beschleicht, man habe diesen Ort schon immer gesucht. Auch, wenn man sich das nicht erklären kann. 

Der Reiz liegt im Grübeln

Doch, das ist schon so: Vieles hier versteht man auch am Ende seiner Reise noch nicht. Aber ist es nicht sowieso schöner, bis zur Abreise darüber nachzugrübeln, was die einem wohl alles erzählen, wenn sie einem an der Kasse das Wechselgeld zurückgeben? Wozu all die Knöpfe an der Toilette sind (und wieso es einen gibt, der das Geräusch fließenden Wassers lediglich simuliert, ohne, dass Wasser fließt?) Und warum um alles in der Welt fünfzigjährige Geschäftsleute ihr 800-Euro-Handy in eine „Hello, Kitty“-Hülle stecken?

Wahrscheinlich ist es viel spannender, wenn Kyoto seine Geheimnisse behalten darf. Wenn es diese große Zwiebel bleibt, von der Besucher nur die äußersten Schichten lösen können und nie erfahren, was wirklich tief innen steckt. Wenn man höchstens vierzehn von fünfzehn Steinen sehen kann, einer aber immer verborgen bleibt, immer, so sehr man sich auch anstrengt.

Titelbild: Der Goldene Pavillon Kinkaku-Ji gilt als das Wahrzeichen von Japans erster Großstadt © gowithstock – shutterstock.com

Weitere Fotos: © Sean Pavone (2), beeboys, Taromon, This road is mine, lkunl, cowardlion, Richie Chan (alle shutterstock.com), Stefan Nink (4)

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Bild: © Shuttertong – shutterstock.com

Stefan Nink

Stefan Nink schreibt Reisereportagen und Romane, fotografiert Menschen und Landschaften.