Position

Globalisierungsexperte Franz Josef Rademacher im Interview: „Es steht fifty-fifty“

Nachhaltiger Klimaschutz zählt zum Kerngebiet des Globalisierungs-
Experten Franz Josef Radermacher. Unternehmen sieht er in der Pflicht.

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz Josef Radermacher Der Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung ist emeritierter Professor für Informatik und war bis 2018 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Zudem ist er Präsident des Senats der Wirtschaft e. V. Bonn und Ehrenpräsident des Ökosozialen Forum Europa sowie Mitglied des Club of Rome. Sein Buch „Der Milliarden-Joker. Wie Deutschland und Europa den globalen Klimaschutz revolutionieren können“ erschien 2018 im Murmann Verlag

Professor Radermacher, ob „Fridays for Future“- Demonstrationen, die Zukunft des Pariser Klimaschutzabkommens ohne die USA – täglich werden wir in den Medien mit dem Thema Klimawandel konfrontiert. Ist das auch ein Medien-Hype oder sind die Folgen der Erderwärmung tatsächlich derart eklatant?

Die möglichen Folgen des Klimawandels können katastrophal und hässlich sein. Trotzdem ist vieles in der Klimadebatte heute wenig durchdacht und teilweise auch durch Panik geprägt. Die Lage ist schwierig. Wir müssen vermeiden, dass uns als Lösung nur die Verarmung bleibt, denn diese ist politisch nicht durchsetzbar. Was wir vor allem brauchen, sind neue technische Lösungen.

Dürfen wir uns noch den „Luxus“ einer Fern- oder Europareise leisten?
Natürlich dürfen wir weiter reisen. Alleine schon deshalb, weil die Emissionen durch Reisen insgesamt nur einen sehr kleinen Teil der Gesamtemissionen ausmachen. Man sollte diese Emissionen aber kompensieren, und zwar so, dass die entsprechenden Projekte zudem Entwicklung in ärmeren Ländern fördern. Reisen ist außerdem zentrale Voraussetzung für internationale Wertschöpfung und für ein Kulturen-übergreifendes Verständnis untereinander. Außerdem würden gerade armen Ländern sehr viele Chancen genommen, Devisen zu verdienen, wenn internationaler Tourismus ausfiele. Das alles macht nicht besonders viel Sinn.

Viele Unternehmen sind bereits aktiv geworden: Der weltweit größte Rückversicherer Munich Re knüpft seine Klimastrategie an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens, Bosch will bereits 2020 klimaneutral sein. Sollten wir uns als Privatpersonen daran ein Beispiel nehmen?

Das ist meiner Ansicht nach der richtige Ansatz. Wer es sich erlauben kann, sollte gemäß Verursacherprinzip von ihm verursachte CO2-Emissionen vermeiden, reduzieren oder kompensieren. Das ist, was viele Unternehmen tun, auch Bosch. Das tun aber auch viele Privatpersonen. Es ist sehr schön, dass Air France und British Airways jetzt die innerstaatlichen Flüge in Frankreich bzw. Großbritannien kompensieren. Von all dem brauchen wir viel mehr.

Was kann jeder Einzelne tun, um klimaneutral zu leben?
Man kann einerseits daran arbeiten, weniger CO2 zu emittieren. Man kann andererseits seine (verbliebenen) Emissionen kompensieren. Man kann auch klimapositiv werden, in dem man sogar mehr kompensiert, als man emittiert.

Wie klimaneutral ist Ihr Leben?

Ich persönlich bin seit Jahren klimaneutral und zwar unter Nutzung von hochwertigen Kompensationen in Nicht-Industrieländern, die gleichzeitig Entwicklung fördern.

Einen großen Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß haben einige unserer liebsten Urlaubsländer: China und Indien zum Beispiel, aber auch viele Länder auf dem afrikanischen Kontinent. Dort gibt es weit weniger strikte politische Vorgaben. Sehen Sie eine Chance, dass sich das ändert?

China ist heute mit Abstand der weltweit größte Emittent und China denkt darüber nach, wie es auf Dauer seine Emissionen wesentlich absenken kann. Indien und vor allem Afrika befinden sich noch in einer viel früheren Phase der Energienutzung. Hier können viele zusätzliche CO2-Emissionen hinzukommen. Natürlich gibt es auf Dauer Chancen, zu kooperieren. Wichtig sind Geldflüsse von reichen Ländern in ärmere Länder. Das geschieht z. B. über das Instrument der Kompensation. Wichtig ist auch der Technologietransfer. Letzten Endes sitzen wir beim Klima alle in einem Boot.

Einige der Superreichen, die zu dem vermögendsten einen Prozent der Weltbevölkerung gehören, leben in Nicht-Industrieländern. Sie plädieren dafür, dass diese Menschen vor Ort in den Klimaschutz investieren. Wie können wir sie überzeugen, das zu tun?

Wir müssen vermitteln, dass dies für sie preiswert und letztlich sehr hilfreich für sie persönlich ist. Denn im Fall einer Klimakatastrophe werden gerade Reiche viel verlieren und zudem mit Freiheitseinschränkungen konfrontiert sein.

Wie könnte das Geld der Superreichen in Nicht- Industrieländern sinnvoll für den Klimaschutz eingesetzt werden?
Einerseits können die Mittel über Kompensation in Nicht-Industrieländern gezielt zum Einsatz kommen. Viel wichtiger ist aber, was Reiche und Superreiche, zum Beispiel als Inhaber von Unternehmen, für die notwendigen Innovationen tun können. Das ist der entscheidende Punkt – Innovationen, das heißt neue technische Lösungen.

Welche positiven Weichen sind in Industrie- und Nicht-Industrieländern bereits gestellt worden?
Es sind bereits viele Weichen gestellt worden. Beispielsweise mit der Elektromobilität, auch wenn ich davon kein Freund bin. Erwähnt werden sollten auch Brennstoffzellen und jetzt klimaneutrale synthetische Kraftstoffe, die heute Teil der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung sind. Hier sehe ich die wichtigsten Ansatzpunkte.

Professor Radermacher – sehen Sie optimistisch in die Zukunft?
Für mich ist die Situation insgesamt so etwa wie „fifty- fifty“. Es ist noch nicht klar, ob wir die Probleme überhaupt lösen. Wenn wir sie lösen, ist unklar, ob dies primär über Verarmung geschehen wird, was nicht sehr angenehm wäre, oder ob es uns gelingt, mit neuen Technologien und unter Nutzung von Nature-based Solutions (Aufforstung, konsequenter Regenwaldschutz, Humusbildung in der Landwirtschaft) insgesamt eine klimaneutrale, reiche Welt zu realisieren. Das ist das, was ich hoffe, und hierfür sehe ich durchaus eine Chance.

Vanessa Oelker

Wenn die Hamburger Journalistin nicht gerade die Welt bereist, interviewt sie Größen ihrer Zunft. „Ob Nobelpreisträger, Oscargewinner, Japanische Messerschmiede oder Mönche in Bhutan – jeder hat eine faszinierende Geschichte zu erzählen”, so die Autorin.

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