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Wortreisen

Der Bürgermeister von Florenz
von Michal Winter

 

Heute überfluten Touristen die Kunstschätze der Stadt. Vor 44 Jahren war es der Arno. Annegret Höhler lebt seit vielen Jahren als Kunsthistorikerin in Florenz. Sie ist mit dem Pianisten Gregorio Nardi liiert. Beide leben im Viertel Santa Croce, das  bis auf den Platz vor der Kirche von Touristen noch weitgehend verschont ist. Sie geht durch die weniger belebten Gassen des Stadtteils, steigt Treppen hinab. In den seit fast einem halben Jahrhundert verlassenen Gewölbekellern arbeiten wieder Künstler, die die Tradition der Florentiner Handwerkskunst neu entdeckt haben. Die alten Meister hatten keine Chance, sich gegen den touristischen Billigramsch zu behaupten. Jahrhunderte altes Wissen um die Herstellung von Farben, um Farbmischungen, um die Zusammensetzung bestimmter Leime und Lacke, um die Handhabung von heute verlorenen Geräten drohte zu verschwinden. Junge Kunsthandwerker wie Bettina Schindler die Elfenbein- und Fächerrestauratorin oder Marco Baroni, der Juwelier, der Schmuck nach Techniken aus der Medicizeit gestaltet, haben mit archäologischer Geduld das Vertrauen der wenigen noch lebenden Alten gewonnen und ihnen ihre Geheimnisse entlockt. Beide und andere Kunsthandwerker kann man zusammen mit Annegret Höhler, die Interessierten gerne das geheime Florenz zeigt, besuchen.

In einer schmalen Gasse, der Via delle Pinzochere  steigt Annegret die Treppen zur Belle Etage des  Palazzo Bargellini hinauf. Hier sitzt der Pianist Gregorio Nardi an einem der beiden Konzertflügel und übt. Die Räume  waren einst die Arbeitszimmer Piero Bargellinis. Sie sind fünf Meter hoch. Sitzgelegenheiten und freigehaltene Pfade verhüten, dass die Bücherwelt den Raum unpassierbar macht.

„Piero Bargellini war mein Großvater mütterlicherseits“, beginnt Gregorio seine Erzählung. Bargellini war ein Hans Dampf in allen Gassen - und das kann man wörtlich nehmen. Er hat in seinem Leben über hundert Bücher geschrieben, unter anderem eine vierbändige Geschichte der Stadt und ein achtbändiges Werk, in dem er die Geschichte wichtiger Bewohner eines jeden Hauses in jeder Straße von Florenz erzählt. Aber sein größtes Verdienst um die Stadt besteht in etwas anderem.“

Am 3. November 1966 fing es in Florenz an zu regnen und hörte nicht mehr auf. Der Bürgermeister von Florenz hieß damals Piero Bargellini. Der Mann war nur für ein Jahr Bürgermeister, ein Übergangskandidat. Am 3. November  war Bargellini im Palazzo Vecchio beim Empfang eines Weltfrauenkongresses von Juristinnen. Es wurde ein Film über den Mississippi gezeigt, und niemand ahnte, dass der schmale Arno bald ausschauen würde wie der Strom in Amerika. Das Wasser stieg, bis alle Erdgeschosse der Häuser und Museen, Bibliotheken, Werkstätten, Schulen und Kirchen unter Wasser standen. Als das Wasser abgelaufen war, war Florenz mit Schlamm überzogen, der betonfest wurde. Die Fresken, die Gemälde, die Skulpturen der Renaissance schienen verloren. Die Flut war ein historischer Bruch in der Geschichte der Stadt.

 „Für Florenz war der 4. November 1966 wie für New York der 11. September 2001¬“, sagt Gregorio Nardi im Arbeitszimmer seines Großvaters. Den Menschen in Florenz stand vor allem der drohende Untergang ihrer Kunststadt vor Augen. Die in den Kellern gelegenen Werkstätten mit ihren Spezialgeräten waren zerstört, und viele Meister, die weit über fünfzig waren, gaben auf.  Piero Bargellini setzte alles in Bewegung, damit die Welt auf die Katastrophe aufmerksam wurde. Man begann zu verstehen, dass fast alle Kunstschätze von Florenz vielleicht für immer verloren waren. Bargellini zwang selbst den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey dazu, sich in die am schlimmsten betroffenen Stadtviertel zu begeben. Die Flut von Florenz forderte mit 121 Opfern nicht so viele Menschenleben wie spätere Flutkatastrophen. Aber Bargellini war es zu verdanken, dass die Welt für die Rettung der Kunstwerke von Florenz spendete. Es war eine der ersten globalen Spendenaktionen für die Kunst.

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